Was ist Klinische Ethikberatung?

Beratung ist ein komplexer Vorgang, der unterschiedliche Aspekte umfasst. Sie wird oft als eine „helfende Beziehung“ verstanden, in der ein Berater einem Ratsuchenden zu helfen versucht, eine eigene Lösung zu finden bzw. mit diesem gemeinsam zu erarbeiten. Klinische Ethikberatung stellt eine besondere Form der Beratung dar, da sie sich auf die ethischen Fragen bei medizinischen Behandlungen konzentriert. 

Eine anerkannte Definition für Ethikberatung gibt es nicht. Die meisten Versuche, sie zu definieren, heben vor allem bestimmte Aspekte dieses Beratungsangebotes hervor.

So grenzt Jochen Vollmann die Ethikberatung insbesondere gegen die fachärztliche Tätigkeit ab und hebt bestimmte Kompetenzen hervor, die der gute Ethikberater benötigt: „(…) Ein Psychiater besitzt, als Facharzt, diagnostische, therapeutische und prognostische Kompetenz und trägt hierfür die ärztliche Verantwortung. Demgegenüber liegt die Aufgabe der Klinischen Ethikberatung in der Identifizierung und Analyse von ethischen Fragen und Konflikten, die im Umfeld der Patientenversorgung entstehen. Hierzu benötigt der Berater eine Ausbildung in philosophischen und medizinethischen Grundlagen und ihrer Anwendung in konkreten Situationen sowie Kommunikations- und Moderationskompetenz.“ (J. Vollmann in Dörries et al., S. 119) In diesem Verständnis ist Ethikberatung also keine Fachberatung, sondern vielmehr eine Beratung, die sich auf einen bestimmten Erkenntnisprozess bezieht.

In einer ganz ähnlichen Richtung versteht Gert Richter die Klinische Ethikberatung. Er schreibt, dass das Ziel dieser Beratung sei: „(…) anstehende ethische Probleme in konkreten Patientenfällen sachlich fundiert, selbständig und eigenverantwortlich zu lösen. Mit dieser Zielbenennung Klinischer Ethikberatung wird dargelegt, dass die Lösung ethischer Probleme in der Patientenversorgung nicht grundsätzlich in der Konsiltätigkeit zu sehen ist, sondern sie vielmehr eine Hilfestellung darstellt und nicht in der Weise missverstanden werden sollte, dass für ein ethisches Problem der Ethikexperte um Lösung gebeten wird.“ (G.Richter in Dörries et al., S. 76). Auch Richter versteht die Klinische Ethikberatung nicht als Fachberatung, sondern als Prozessberatung. Prozessberatung meint – im Gegensatz zur Fachberatung – dass der Berater vor allem auch den Blick auf den Diskussionsprozess richtet und versucht, ein faire und alle Interessen berücksichtigende Diskussion zu ermöglichen.

Eine Arbeitsgruppe der American Society for Bioethics and Humanities (ASBH)hat die folgende Definition vorgeschlagen: „Ethikberatung im Gesundheitswesen ist ein Service, der von Einzelnen oder einer Gruppe angeboten wird, um Patienten, Familien, Stellvertretern, Mitarbeitern im Gesundheitswesen oder anderen betroffenen Parteien zu helfen, Unsicherheit oder einen Konflikt hinsichtlich wertbehafteter Themen anzusprechen, die im Gesundheitswesen auftreten können. Diese Unsicherheit kann kognitive und affektive Dimensionen haben. Ethikberatung im Gesundheitswesen hat zwei aufeinander bezogenen Bereiche, klinische Ethik und Organisationsethik.“ (meine Übersetzung, ASBH, S. 3) Die ASBH hebt damit hervor, dass es unterschiedliche Modelle der Ethikberatung gibt:

  • Beratung durch einen einzelnen Berater, z.B. durch einen Ethikberater
  • Beratung durch eine Beratungsgruppe, z.B. eine Arbeitsgruppe Ethikberatung
  • Ethikberatung mit den Angehörigen oder
  • Ethikberatung alleine für das klinische Team
  • Beratung in der klinischen Praxis
  • Beratung des Krankenhauses oder der Klinik, mit dem Ziel einer Organisationsentwicklung

Als ich mein eigenen Verständnis von Ethikberatung formuliert habe, hatte ich vor allem jene Ethikberatungen im Blick, bei denen ich mit Ärztinnen und Ärzten, Pflegenden und Angehörigen in einer gemeinsamen Beratung nach den Handlungen gesucht habe, die nach Ansicht aller Beteiligten ethisch tragbar waren. Ich habe das so formuliert:

„Unter Ethikberatung soll
(1) der Prozess verstanden werden, in dem
(2) ein – eventuell auch zwei oder mehrere – für diese Beratungssituation ausgebildeter Berater
(3) einem oder mehreren Ratsuchenden gegenübertritt, um den Ratsuchenden in einem
(4) ergebnisoffenen und aufrichtigen Diskurs
(5) ein moralisch-praktisches Urteil über eine bestimmte moralische Handlungssituation X zu ermöglichen.“

Ich wollte damit vor allem betonen, dass es um das persönliche moralische Urteil der Angehörigen, Patienten, Ärztinnen, Ärzte und der Pflegenden geht. Auch ich verstehe die Ethikberatung nicht als eine Fachberatung, auch wenn der Berater in dem einen oder anderen Fall über ethische Richtilinien oder Grundsätze informieren wird. Darüber hinaus wollte ich damit betonen, dass alle Beteiligten auch in dem gemeinsamen Gespräch aufrichtig – oder wie es manchmal heißt: wahrhaftig – sein müssen, damit ein solche Diskussion gelingen kann. Der Ethikberater sollte daher vor allem auch in der Lage sein, darauf zu achten, was in dem Gespräch geschieht und auf ein gemeinsames Verständnis der Beteiligten hinzuarbeiten. Das ist auch der Grund, warum ich die Ethikberatung enger als andere Autoren an die Supervision anlehne. Der Berater benötigt daher nicht allein Kommunikations- und Moderationskompetenz, sondern auch die Kompetenz, den Diskussionsprozess zu gestalten.

Weiterführende Literatur:

  • American Society for Bioethics and Humanities (ASBH): Core Competencies for Health Care Ethics Consultation.
  • Fahr U (2008) Philosophische Modelle klinischer Ethikberatung. Ihre Bedeutung für Praxis und Evaluation. In: Frewer A, Fahr U, Rascher W (Hrsg.) (2008): Jahrbuch Ethik in der Klinik. Würzburg, S. 75-98
  • Dörries, A.; Neitzke, G.; Simon, A.; Vollmann, J. (2008): Klinische Ethikberatung. Ein Praxisbuch. Stuttgart, 2008

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